28.11.07, 19:01:10
Alatáriel
Damien Aykaer stammt aus dem Küstenstreifen Ayban, einer Region Guyans, die von dem selbsternannten "Gnadenherrscher" regiert wird. Sir Aolan Cayne, eigentlich nur ein Landverwalter des wahren Herrschers, galt als harmloser Verrückter – nur aufgrund seiner Fähigkeiten, den vorher von Aufständen heimgesuchten Landstrich unter Kontrolle zu halten, wurde sein Gebahren in Ayban geduldet. Cayne hielt die Region Dank seiner "Gnadenwache" im Griff, einer Garde aus außergewöhnlichen Schwertkämpfern. Jedes Jahr ließ er Prüfungen durchführen, denen sich junge Knaben unterziehen mussten. Diejenigen, die an Geschick, Schnelligkeit, Wendigkeit und Zähigkeit den anderen überlegen waren, wurden in die "Gnadenschule" geschickt, in der sie innerhalb von einigen Jahren in der Schwertkunst unterrichtet und ausgebildet wurden. Auch Damien, der in einem kleinen Dorf in einfachen Verhältnissen aufwuchs, durchlief diese Schule und stieg schließlich mit 24 Jahren zum Hauptmann der Gnadenwache auf - ungewöhnlich jung, nicht jedoch, wenn man bedenkt, dass kaum eine Gnadenwache älter als 30 wurde, da Cayne sie in den zahlreichen Aufständen ohne Gnade verheizte.Gerüchten zufolge liegt ein dunkler Hauch auf Ayban, der immer wieder Rebellen zu den Waffen greifen, grausame Mörder umherziehen und schreckliche Verbrechen und Unfälle geschehen lässt. Böse Zungen behaupten, dass der Fluch Mersalams seine Finger über das Meer hinweg ausstreckt – und in der Tat misst die Entfernung von der Küste Aybans zu der verfluchten Insel nur wenige Meilen...
Als Damien sich durch seinen wiederholten Leichtsinn in Schwierigkeiten brachte, stand er kurz davor, seinen Posten als Hauptmann zu verlieren. Er war nicht nur leidenschaftlicher Glücksspieler, sondern genoss gerne mal ein paar Krüge Bier über den Durst hinaus. Eine Schlägerei im Vollrausch, die er anzettelte, weil man ihm gezinkte Karten unterstellt hatte – und seine Karten waren tatsächlich gezinkt! – brachte das Fass schließlich zum Überlaufen. Nur seine ausgezeichneten Fähigkeiten als Hauptmann bewahrten ihn vor Degradierung und Entlassung, aber inoffiziell war klar, dass er sich keine neuerlichen Fehlleistungen herausnehmen konnte und er sich stattdessen erst wieder beweisen musste, bevor er das volle Vertrauen Caynes und das seiner Männer zurückgewinnen könnte.
Anlass dafür war rasch gegeben.
Cayne, der verrückter war, als man ihm nachsagte, schickte von Zeit zu Zeit Erkundungsschiffe los, die sich der verfluchten Insel nähern sollten. Er hoffte, seine Männer würden ihm mächtige Artefakte, große Zauber oder anders geartete Geheimnisse dieser dunklen Insel beschaffen, um seine Macht zu stärken, denn insgeheim strebte er nach dem Thron des Landes. Keines der Schiffe war jedoch bisher zurückgekehrt, und die Zahl der Freiwilligen, die sich auf eine so offensichtliche Selbstmord-Fahrt begeben wollten, nahm zusehends ab. Nicht einmal Ayban beherbergte SO viele Verrückte. In dem Wissen um Damiens Position, der sich durch sein Fehlverhalten in Zugzwang befand, schickte Cayne ihn auf das letzte Schiff, das diese Reise antreten sollte. Fast fünfzig Männer – größtenteils Söldner, der Rest irrwitzige Abenteurer – traten im Schutz der Nacht die Reise an. Damien wusste, dies würde seine einzige Chance sein, das Vertrauen seines Lords zurückzugewinnen und sich zu beweisen. Für ihn, der seine Aufgabe nicht als Beruf, sondern Berufung ansah, stand außer Frage, die Männer auf der Reise ins Ungewisse anzuführen – der Tod wäre besser gewesen als die Aussicht, das Schwert nie mehr führen zu dürfen.
Das Schiff kehrte nie zurück.
Wochen vergingen, und Cayne plante bereits, ein weiteres Schiff zu schicken. Der Verlust der Männer – und Damiens – war lediglich eine Nichtigkeit. Er hatte der Gnadenwache einen neuen, durchaus tüchtigen Hauptmann vorgesetzt und die Planungen zur Schiffsübersetzung liefen auf vollen Hochtouren, als plötzlich Gerüchte an sein Ohr drangen, es hätte einen offenbar Schiffbrüchigen an den Strand gespült, der nun in der Obhut einer Fischersfamilie wieder zu Kräften gelangen sollte. Er beschloss, sich den Mann in einigen Tagen näher anzusehen – allerdings sollte es nie soweit kommen.
Sieben Tage später, als er nachts das Aufbrechen eines weiteren Schiffes überwacht hatte und sich mit nur einer Handvoll Leibwachen noch am Strand aufhielt – die Männer waren dabei, sich vom Strand zu entfernen – zeigte eine grauenvolle Bestie der Welt ihr Antlitz.... Cayne erkannte selbst im Lichte des Vollmonds nicht, was da auf ihn und seine Wachen zuraste – mein Gott, ist es ein Wolf? Es sieht aus wie ein Wolf, aber bei den Göttern, es ist riesig! Bei den Göttern, was ist das...? Lauft! LAUFT! Fell, reißende Klauen und messerscharfe Zähne waren alles, was die Männer wahrnahmen. Dann Schmerz. Blut. Agonie. Klauen und Fänge rissen, zerrten, zerfetzten. Das Ungetüm labte sich am Leid, an der Qual, es trank ihr Blut, fraß ihr Fleisch, zermalmte ihre Knochen – und verließ, so schnell wie es gekommen war, den Ort, den es zu einer Schlachtbank gemacht hatte.
Die Fischersfrauen, die am nächsten Morgen hinaus an den Strand gingen, um nach den Booten zu sehen, schrieen und kreischten vor Entsetzen, bevor sie schließlich in selige Ohnmacht fielen.
Einige Meilen davon entfernt öffnete sich in dichtem Wald ein Augenpaar, kam ein wacher Verstand wieder zu sich. Er erinnert sich. Damien Aykaer war sein Name. Er war irgendwie.... gestorben, und dann wiedergeboren. Blutbesudelt und nackt erhob er sich aus dem Dickicht, das den Boden bedeckte. Er wusch sich in einem nahen Waldbach und stahl aus einem Bauernhaus, dessen Bewohner zur Arbeit auf den Feldern draußen waren, Kleidung und etwas Gold. Ohne zurückzublicken verließ er Ayban.
Zwei Jahre reiste er durch das Land, bevor er schließlich die Tore Mitheldariens passierte. Die Zeit hatte ausgereicht, um ihn begreifen zu lassen, dass er verändert worden war, und was für ein Geschenk ihm mit seinen Fähigkeiten zuteil wurde.
Seine Schwertkunst hatte ihm mehr als genügend Gold eingebracht, um davon leben zu können, und sein Ziel ist es, in die königliche Garde aufgenommen zu werden. Damien Aykaer Sturmkralle, wie er sich nun nennt – Charmeur und Frauenheld, Spieler, der hin und wieder etwas über den Durst hinaus trinkt, unglaublich begabter Schwertführer, diszipliniert, ausdauernd, willensstark, pflichtbewusst und eifrig. Doch.... im Inneren: Raubtier. Bestie. Mordlust – und der Wunsch, die Welt mit Seinesgleichen zu erfüllen, um denjenigen, die sich als würdig erweisen, das Geschenk zu gewähren, das er selbst erhalten hat auf der Insel des Wahnsinns, in einem Alptraum, den nur er kennt und den er niemals auch nur einer einzigen Seele anvertrauen würde...